Rio Yaque del Norte (2006)

Karibik: Palmengesäumte Inseln mit Puderstrand am kristallklaren, warmen, blauen Meer - so lässt sich das typische Klischee der Postkartenidylle am besten beschreiben. Wo geht es da bitte zum Wildwasserl?

Karibik: tropischer Regenwald. Die feuchtesten Zonen der Erde. Monatelang planmässig ein nach unseren Begriffen schlechtes Wetter.

Rafting auf dem Yaque del Norte, 2006

Ja, was denn nun? Beides ist richtig. In der Dominikanischen Republik gibt es zudem die höchsten Berge der Karibik. Wo Berge und Regen aufeinander treffen, sind Flüsse nicht weit.

Im dominikanischen "Outdoor" - Zentrum, dem kleinen Ort Jarabacoa am nördlichen Rand des Gebirgszugs der Insel Hispanola, nur zwei bis zweieinhalb Stunden von den Hotelzonen der Nordküste um die Orte Puerto Plata, Sosua und Cabarete, haben zwei Unternehmen ihren Sitz, die organisierte Wildwassertouren mit Rafts auf dem Rio Yaque del Norte anbieten. Je nach Wasserstand liegt die Schwierigkeit im dritten bis vierten (und leicht darüber) Wildwasser-Grad.

Rancho Baiguate

"Rancho Baiguate" ist einer der Anbieter. Morgens werden die Gäste früh vom Hotel abgeholt, dann gibt es auf der Ranch ein kleines, fade schmeckendes Frühstück. Es folgt die Ausgabe der Wildwasserleihausrüstung - durchgängig solche, die seit mehreren Jahren mal auszutauschen wäre. Die Neoprenshortys sind eher Flickenteppiche ("Durchlauferhitzer"), eigenes Material (Shorty, Long John) ist keine schlechte Idee. Schuhe sind idealerweise selbst mitzubringen, Wassersportsandalen (also solche mit festem Sitz), besser noch Neoprenschuhe, sind die richtige Wahl. Ansonsten wird barfuss gepaddelt. Geht natürlich auch, ist nur beim Ein- und Ausstieg oder unfreiwilligen Schwimmpartien (Steine im Wasser!) nicht so nett.

Mit Helm, Schwimmweste und Paddel ausgerüstet geht es zum wartenden Bus. Das dieser Bus an den Seiten keine Fenster mehr hat und die Frontscheibe knapp über der Blickhöhe des Fahrers durch ein großes Einschussloch verziert wird, stört hier nicht weiter. Wir haben ja eine Abenteuertour gebucht.

Rio Yaque del Norte

Am Rio Yaque del Norte angekommen stehen nicht nur die Rafts bereits bereit, auch einige überraschte Gesichter sind zu sehen, für die dies hier die erste Wildwasser - Rafting - Tour ist: Direkt am Start wartet gleich der erste wuchtige Schwall auf die Paddler. Dies wäre ja nicht so schlimm, würde es nicht durch eine unübersichtliche links-rechts-Kurvenkombination mit deutlichem Gefälle begleitet werden.

Doch bevor von der ersten Minute an "Action" garantiert ist, gibt es zunächst eine Einweisung. Paddelhaltung und Kommandos werden kurz erklärt, es wird darauf hingewiesen, dass die Guides "very professional" seien. Dazu später mehr.

Inzwischen sitzen wir in den Booten und machen die ersten Schläge. In einem Raft sitzt man, mit den Beinen im Boot, auf dem Rand des Schlauchbootes. Schneller als erwartet gellt dann schon der Ruf "get down" vom Guide - runter vom Wulst des Bootes, rein auf den Boden, festhalten und ab geht es durch die richtig harten Passagen. Das ganze Boot wird mit dem zwar eher bräunlichen, dafür aber für Wildwasserverhältnisse sehr warmen Wasser (~20 Grad) überspült. Kurz darauf sitzen wir wieder im Boot und Paddeln durch die nächsten Stromschnellen und Schwälle.

Am Abend zuvor hatte es lange und ausgiebig geregnet - gut so, so war ausreichend Wasser im Bach. Ohne viel Niederschlag macht die Tour wahrscheinlich wenig Sinn. Dass Wasser dürfte über die recht steilen Bäche zügig abfliessen, die Pegel schnell fallen.

Von der eigentlich traumhaft schönen Landschaft bekommen wir wenig mit: Es gibt kaum ruhige Stellen. Enge, verblockte Passagen, mit enormen Gefällen, wechseln sich mit offenen Schwallstrecken ab. Meist wird es etwas steiler, wenn es enger wird. An einer Stelle passieren wir sogar eine Stufe mit einem Höhenunterschied von fast zwei Metern.

Die ersten Zweidrittel der rund 13 Kilometer langen Paddelstrecke sind durchgängig Wildwasser im Schwierigkeitsgrad klar über 3+. Im letzten Abschnitt wird es ruhiger, der Fluss ist nicht mehr so verblockt, aber im Wechsel mit den ruhigen Passagen auch immer wieder wuchtig. Nach diesem ersten Abschnitt wird eine Pause eingelegt - sportlich betrachtet für etwas Geübte eigentlich überflüssig, aber immerhin ein Grund die Tour zu strecken und für den einen oder anderen Erstlingspaddler nicht verkehrt. Die mitgebrachten matschigen Sandwichs sind jedenfalls kein Grund, das Wasser zu verlassen.

Very professional?

"Very professional" - dieses Selbstbild der Guides hatte ich ja schon eingangs erwähnt. Das zeigt sich so: Selbst für einen Laien erkennbar gelingt es nicht allen Guides, mit Hilfe der richtigen Kommandos und Steuerschläge eine einigermaßen gute Linie zu finden. Oftmals steckt man auf irgendwelchen Felsen fest oder rammt selbige unsanft. Naja, die Schlauchboote können ja einiges ab. Wenn sich aber ein Guide entschließt, die Tour im Schlauchcanadier zu begleiten, dann sollte er sich nicht gerade schlecht im Wildwasser bewegen können. Wenn es dann auch noch ein Boot ist, das eigentlich für zwei Personen ausgelegt ist, aber alleine gefahren wird, sollten die Kenntnisse noch etwas besser sein. Aber der geneigte Leser ahnt es schon: Jener Paddler hat es vorgezogen, die schwierigen Stellen lieber hinter seinem Boot herzuschwimmen... Außerdem: Aus fünf Metern Höhe von einem Felsen mit einem akrobatischen Looping zu springen, mag zwar ein netter Stunt sein, um die Gäste zu begeistern. Ohne Schwimmweste und Helm, wie hier vom Guide praktiziert, ist das aber nicht" very professional", das ist nur leichtsinnig.

Wer selbst sicher Wildwasserkajak im höheren Schwierigkeitsgrad paddelt, könnte geneigt sein, beim Gedanken an 20 Grad warmes Wasser lieber ein kleines Boot als den großen Touristengummibus zu wählen. Leider sieht es da mit der Logistik nicht so leicht aus. Der Anbieter der hier beschriebenen Tour, Rancho Baiguate, bietet keine Leihkajas an. Bleibt nur der Mitbewerber, das von einem Österreicher geführte Unternehmen Rancho Jarabacoa. Dieser Anbieter wirbt auch mit Kajak-Wildwasserexpeditionen. Sein Schwerpunkt liegt jedoch bei Canyoningtouren.

Trotz aller Widrigkeiten - mit etwas Mut und Lust am Abenteuer kann man eine solche Tour einmal wagen.

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