Wildwasserkurs, Deutschland

Wer sich ein bisschen mit dem Kanufahren beschäftigt, stellt schnell fest, dass es je nach Disziplin unterschiedliche Skalen zur Ermittlung der Schwierigkeiten gibt: Kanuwandern, also klassisches Tourenpaddeln, findet auf "Zahmwasser" statt, dass abhängig von der Strömungsgeschwindigkeit der Flüsse zwischen I (langsam) und III (schnell) eingestuft wird.

Wildwasserkurs auf der Iller

Im Großgewässer- und Küstenkanuwandern findet man eine mehrstufige Schwierigkeitsbewertung, die anhand von Windstärke und Wellenhöhe vorgenommen wird.

Im Wildwasser gibt es sechs Schwierigkeitsgrade von leicht (I) bis zur Grenze der Befahrbarkeit (VI). Die Skala ist anhand eindeutiger Beschreibungen fix, bestimmte Sachverhalte sind den Stufen zugeordnet. Die Einschätzung der Sachverhalte variiert jedoch je nach Verfasser, Wasserständen und weiteren Umständen: Daher ist die Schwierigkeit meist als "Von - Bis" angegeben oder durch ein kleines "+" oder "-" als "etwas darüber" oder "etwas darunter" gekennzeichnet. Tendenziell sind neuere Beschreibungen durch verbesserte Materialien und Techniken eher so, dass die Schwierigkeit geringer als in älteren Beschreibungen angegeben ist. Was früher ein 3er war, ist jetzt vielleicht ein 2er. Aufpassen muss man bei Beschreibungen auch immer dann, wenn von "Wanderstrecke" die Rede ist. Damit ist nicht etwa wie beim Tourenpaddeln Zahmwasser gemeint, sondern meist Wildwasser I bis II, in dem das technische Paddeln noch nicht so sehr im Vordergrund steht.

Grundkurs Wildwasser in Oberstdorf

Bisher habe ich mich im Kajak nur auf Zahmwasser bewegt. Nun wollte ich mich mal ans Wildwasser herantasten. Nach einiger Recherche entschied ich mich für einen Kurs auf der Iller bei Oberstdorf / Sonthofen im Allgäu und wählte die "Wildwasserschule Oberstdorf" (WWSO) aus, die ein entsprechendes Angebot hatte und auf dem gewünschten Niveau - Wildwassereinsteiger, Kajakvorkenntnisse, Schwierigkeit nicht über Wildwasser II - schult. Die Schule, die von Günter Schröter, dem ehemaligen Bundestrainer Wildwasserkajak im Deutschen Kanuverband, betrieben wird und rund zwanzig Trainer beschäftigt, schult auch in zahlreichen weiteren Angeboten: Verschiedenste Fortgeschrittenenkurse bis Wildwasser IV, Kajak, Canadier, Wildwassercamps...

Die Trainer sind zumeist Fachübungsleiter nach DOSB oder VDKS - Standards.

Hier der Bericht, wie die beiden intensiven Schulungstage abliefen. Ein paar Bilder vom Kurs gibt es in der Galerie. Die sind aber überwiegend nur an ruhigen Stellen aufgenommen, denn sonst war Arbeit mit Boot und Paddel angesagt, da blieb nicht viel zum fotografieren...

Ergänzend habe ich ein paar weitere Bilder von der Iller beigefügt.

Treffen

Um 09:30 treffen wir uns am "Wildwasserstadl" am Ortseingang von Oberstdorf. Eine unscheinbare Holzhütte dient als Bootsschuppen. Wer nichts davon weiß, sucht hier keine Kajak-Schule. Mit mir warten vier weitere Wildwasser-Novizen auf den Start: Ein Paddler möchte mal einen Tag schnuppern, ein weiterer Teilnehmer hat sich wie ich zum Kurs angemeldet und die anderen beiden haben ein "Erlebnis" über eine dieser Action-Agenturen gebucht, um einen Tag im Kajak verbringen zu dürfen. Dafür zahlen sie dann gut zehn Prozent Provision an die Agentur...

Die Ausstattung besteht aus der neuesten Generation der Eskimo-Bootsflotte. Das Material ist offensichtlich im Top-Zustand und noch nicht lange im Einsatz.

Alpsee

Wir starten auf dem Alpsee. Ein kräftiger Wind sorgt für Wellen, die kurz und ungefähr so hoch wie das Kajak sind, aber gleichmässig und damit berechenbar. Es erfolgt ein Schnelldurchlauf aller Grundtechniken - "geradeausfahren lassen wir jetzt mal aus, saubere Kurven steuern ist viel wichtiger.", so der Trainer. Also paddeln wir mit den Diabolos, Kendos u.s.w. in die Wellen hinein und gehen das ganze Programm durch: Bogenschlag vorwärts, rückwärts, Stützschläge. Boote um 360 Grad mit nur zwei Paddelschlägen drehen.

Zwischendurch wird immer wieder gezielt in den Wellen üben und das Boot dort auch mal bewusst quergestellt. Nach eineinhalb bis zwei Stunden ist Pause. Dann heißt es: "Ihr seit jetzt fit für die Iller".

Iller, Teil 1

Für die rund sieben Kilometer lange Strecke lassen wir uns zwei Stunden Zeit: Eine Reihe von Kehrwässern werden mitgenommen. Bis das Ein- und Ausschlingen in der flotten Strömung mit der Kombination der richtigen Schläge, dem Kanten und Stützen so sitzt, dass es sich halbwegs entspannt anfühlt, dauert das so seine Zeit. Nachdem die ersten Kehrwasser mehrfach rauf- und runtergefahren wurden, paddeln wir richtig los.

Es rauscht. Gleich in der ersten Kurve kündigt sich ein Schwall mit einigen Wellen an. Der Guide weißt uns spielerisch den Weg. Dann kommen wir zur Ostrach-Mündung und können mal feststellen, was Querströmung durch das zufließende Wasser so alles ausmachen kann.

Dann ist nicht nur zu spüren, sondern auch zu sehen, dass das Wasser plötzlich Tempo herausnimmt. Es folgt eine Staustufe, die aus vier Felsriegeln im kurzen Abstand besteht. Das ruhigere Wasser trügt: Es erwartet uns die erste von zwei WW II - Stellen. Vor der Anfahrt gibt es noch ein kurzes Briefing vom Guide, wie zu fahren ist: "Immer hinterher, und bitte genau die Linie halten.". Klappt. Es spritzt und schäumt, das Wasser bricht vorne über dem Boot zusammen. In einer wohl mässig koordinierten Technik von Grund- und Stützschlägen, immer so, wie es sich gerade noch einigermaßen stabil anfühlt, paddle ich da durch. Ohne zu kentern. "Du bist viel zu hektisch mit dem Paddel.", mahnt der Trainer. Weiß ich, aber ich bin da durchgekommen… " Morgen gehen wir das mal anders an."

Einen Steingarten im Fluss nutzen wir, um ein paar der Blöcke zu umfahren, dann wird der Fluss für ein gewisses Stück ruhiger, bis der zweite dicke Schwall kommt: Unser Guide sagt wieder an, wie zu fahren ist und grinst dann: "Ich schaue mir das mal von hier oben an. Fahrt schon mal los."

Tatsächlich liegen jetzt einige Steine im Stromzug und verlangen nicht nur, das Boot stabil zu halten, sondern auch noch, daran heil vorbeizufahren. Hinterher verrät der Trainer, dass er gewartet habe, falls Schwimmer herauszuziehen seien. So wäre er am schnellsten dort. Erstaunlicherweise geht niemand baden.

Iller, Teil 2

Normalerweise werden Kajakkurse bei der WWSO mit 3-6 Teilnehmern, im Durchschnitt fünf Personen pro Kajaklehrer, gemacht. Nur auf höheren Ausbildungsleveln sind die Kurse noch kleiner. Wer etwas mehr Geld auf den Tisch legen mag, kann natürlich auch Privatstunden (maximal zwei Personen) beim Chef buchen.

Die Kursgruppe ist geschrumpft: Die Erlebnis-Agentur-Bucher und der Schnupperpaddler sind nicht mehr dabei, wir sind nur noch zu zweit. In dieser Kleinstgruppe wird das Training heute so intensiv wie in einem Privatkurs: Nach Abzug einer kurzen Pause auf einer Kiesbank kommt eine Netto-Zeit im Kajak von rund vier Stunden zusammen. Wohlgemerkt: Auf der gleichen Strecke wie am Vortag, 7 Kilometer lang.

Es dauert nur kurze Zeit und so langsam werde ist etwas warm mit der Sache, die Strömung unter dem Gesäß spüren, rechtzeitig darauf reagieren, vorausschauend paddeln...

Gleich zu Beginn ist aktives Kehrwasser-Fahren angesagt: Rein, raus, ins nächste Kehrwasser, dann wieder eines den Bach aufwärts ansteuern. Links kanten, rechts kanten, stützen. Zwischendurch werden mit Seilfähren vor- und rückwärts ständig die Flussseiten gewechselt. Ich bin zuvor noch nie auf einem kurzen Stück von wenigen hundert Metern so viel hin- und hergefahren. Bei nur zwei Leuten im Kurs gibt es kaum eine Ruhepause.

Nach der Ostrach-Mündung dann wieder die Steinriegel-Stufen. Waren die Kehrwässer am Anfang der Tour einfache Übungsstellen, steigern wir uns nun wie angekündigt: Nach jeder Stufe mit ihrer kräftigen Strömung im Unterwasser geht es links in Kehrwasser, dann wieder raus, unterhalb der Stufen durch die Schwälle traversierend oder mit Seilfähren auf die andere Uferseite - das Spiel kann man häufig treiben.

Nun der "Steingarten": Sind wir beim letzten Mal mit Ausnahme von ein bis zwei "Übungsblöcken" in der Hauptströmung daran vorbeigefahren, so nehmen wir diesmal wirklich jeden Stein mit: In einem Slalom-Parcours geht es um die Blöcke. Dann noch ein Kehrwasser am anderen Ufer und ich merke, dass Konzentration und Kondition sich dem Ende nähern: Die Schwimmeinlage ist garantiert und folgt auch sogleich.

Den folgenden WW II - Schwall umfahre ich dann auch eher vorsichtig am anderen Ufer, wo es leichter zugeht. Später lernt man dann, dass solche Routen als die "Chicken Line" gelten.

Die Ausstiegsbrücke kommt in Sicht, das war es.

Fazit

Intensives Training, eine spannende Erfahrung auch für Tourenpaddler und eine hervorragende Kursleitung machen aus diesen zwei Tagen einen erstklassigen Kurs, von dem ich selbst dann viel mitnehmen kann, wenn ich künftig kein Wildwasser paddle, sondern nur mal einen sportlicheren Kleinfluss fahren möchte.

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